Thème de l'année 2018-19: Zesummen ënnerwee

«Ich bin gerne allein» ist ein Satz, den wir sehr oft in unserer heutigen Zeit vernehmen. Die Anzahl von Singlehaushalten steigt kontinuierlich und die Zahl der Eheschließungen nimmt ab. In einer Gemeinschaft zu leben scheint nicht mehr modern zu sein, die klassische Familie wird zum Auslaufmodell.

Dieses moderne Menschenbild steht allerdings dem religiösen Bild entgegen: Der Mensch ist eben kein Einzelwesen, sondern „aus seiner innersten Natur ein gesellschaftliches Wesen; ohne Beziehung zu den anderen kann er weder leben noch seine Anlagen zur Entfaltung bringen." (GS12) Mit anderen Worten: Ohne DU gibt es kein ICH und ohne andere Menschen könnten wir nicht existieren.

Zur Jahrhundertwende bekam Charles Nelson, Professor für Kinderheilkunde an der Harvard University, einen einmaligen Einblick in die Entwicklung kindlicher Bindung. Kinder im Bukarester Waisenhaus St. Catherine waren lange gehalten worden wie Tiere, mit dem Nötigsten versorgt, ohne Zuneigung,  der soziale Kontakt untereinander war begrenzt. Die Folgen: Die Kinder zeigten bezüglich ihres sprachlichen, emotionalen und körperlichen Entwicklungsstandes große Defizite. Sie hatten Bindungsängste, waren hyperaktiv und hatten einen deutlich verminderten IQ.[1]

Diese Erkenntnisse belegen eindeutig, dass der Mensch von Beginn seines Lebens an seine Mitmenschen benötigt um sich körperlic, wie auch geistig weiterentwickeln zu können. Von Geburt an ist der Mensch auf die Unterstützung der Mitmenschen angewiesen.  Kein Mensch kann sich ohne Gemeinschaft, ohne ein Gegenüber entfalten.

Dieses «Aufeinander - Verwiesen - Sein» ist auch im religiösen Kontext sehr wichtig. Der Mensch erhält nach den Schöpfungserzählungen der Bibel von Gott einen Mitgestaltungs- und Kulturauftrag. Dabei ist allerdings nicht zu vernachlässigen, dass jedes Handeln Konsequenzen hat für ihn selbst und seine Mitmenschen. Die Mitgestaltung der Welt bezieht sich sowohl auf den individuellen als auch auf den gemeinschaftlichen Bereich. Jeder Mensch ist dazu verpflichtet auf seine Mitmenschen zu achten, dabei ist ein Handeln auszuschließen, das sich nur am eigenen Egoismus orientiert.

Als Gemeinschaft befindet man sich gemeinsam auf einem Weg. Natürlich darf dabei die Individualität des Einzelnen nicht vernachlässigt werden. Jeder Mensch bleibt dabei einzigartig und wir wollen als Schule jeden Menschen so fördern, dass er durch seine Neugier Neues entdecken, seine Kreativität entfalten und seine Persönlichkeit entwickeln kann mit seinen individuellen Talenten und Fähigkeiten. Dabei kann einer von dem anderen lernen und eine bunte Gemeinschaft wird gebildet.

 Neben der sozialen Dimension kommt in der Theologie eine weitere dazu, das Verwiesen - Sein auf Gott. Dabei ist es offenbar so, dass wir Menschen uns auf Wanderschaft begeben müssen, wenn es um Gott geht. Die Bibel berichtet eigentlich von nichts anderem als von Wanderungen. Alles wandert: Abraham wandert, Moses wandert mit dem Volk durch die Wüste, die Propheten wandern, Jesus wandert, die Apostel wandern. Wo immer Gott an die Menschen herantritt, da setzt er sie in Bewegung, da schickt er sie auf Wanderschaft.[2]

In diesem Kontext wird oft der Begriff der Wallfahrt benutzt. Das Wort Wallfahrt kommt vom deutschen Wort „wallen" und bedeutet „in eine bestimmte Richtung ziehen, fahren, unterwegs sein". Wallfahrt und Pilgerschaft, das Unterwegs-Sein des Gläubigen auf dem Weg zu einem besonderen Zeugnisort des Glaubens, sind sozusagen eine „Urgebärde" des Menschen - im Christentum ebenso zu Hause wie in allen anderen Weltreligionen.[3]

Früher wie heute brechen Menschen auf um Gott und sich selbst zu finden. Das Pilgern ist dabei ein Symbol für den menschlichen Lebensweg. Ein Pilger bricht auf, um den eigenen ‚Acker', die eigene Lebenswelt zu verlassen. Die Pilgerin, der Pilger begibt sich in die Fremde. Das Pilgern hat zum Ziel zu neuen Erkenntnissen und Ufern aufzubrechen und die Beziehung zu Gott sowie das Verhältnis zu sich selbst zu verändern.

Wenn wir also in diesem Jahr das Jahresthema „Zesummen ennerwee" gewählt haben, beinhaltet das ein Zweifaches:

-       Die Erkenntnis, dass man immer als Individuum in einer Gemeinschaft lebt.

-       Das Loslassen - können um sich zu neuen Ufern aufzumachen

Dabei dürfen wir uns auch einer Devise bewusst sein: Was wir alleine nicht schaffen, das schaffen wir alle zusammen. Gemeinsam ist man stärker und zu viel mehr fähig. Deshalb müssen wir als Schulgemeinschaft jeden Einzelnen auf seinem Weg begleiten, ihn unterstützen, damit er seine Ziele erreichen kann.

Dabei wünschen wir uns, dass jeder Mensch nach dem Gebot der Nächstenliebe lebt. Jeder Mensch ist darauf angelegt, sich in einer Beziehung zum einem personalen Gegenüber zu entfalten. Verantwortlich und human zu leben heißt anzuerkennen, dass der Einzelne auf die Gemeinschaft und das menschliche Miteinander angewiesen ist. Der Einzelne braucht die Dienste der Gemeinschaft, aber auch die Gemeinschaft braucht die Leistungen jedes Einzelnen. Deswegen gilt der Grundsatz: Einer für alle, alle für einen.

Jeder Mensch versucht für sich - im Rahmen seiner Möglichkeiten - anfallende Aufgaben zu lösen. Wenn er dabei jedoch überfordert ist, kann er sich im Kontext Schule auf die Unterstützung der Lehrer und Mitschüler verlassen. Solidarität ist und bleibt ein Schlüsselbegriff für ein gelingendes Leben.

Dabei darf man sich auch bewusst sein, dass Gott den Menschen nicht alleine lässt.  In besonders ausdrucksvoller Weise kommt die persönliche Führung in Psalm 23 zum Ausdruck:

„Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen....

Er stillt mein Verlangen; er leitet mich auf rechten Pfaden, treu seinem Namen.

Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil;

Denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht."

Gott ist mit uns auf dem Weg. Wenn wir auf Gott vertrauen, dann glauben wir, dass wir nicht "einfach so" infolge blinder und letztlich sinnloser Zufälle "in die Welt geworfen" und danach unserem Schicksal überlassen wurden, sondern dass Gott uns so gewollt hat, wie wir jeweils sind. Und wenn das so ist, dann ist Gottes Tun nicht mit unserer Geburt beendet, sondern dann hat ER auch einen Plan für unser weiteres Leben und weiß den dazu gehörenden Weg. Dass Gott einen Plan für unser Leben hat, bedeutet aber nicht, dass wir die Dinge schleifen lasse, und nach dem Motto, "Gott hat es so gewollt" passiv, in fatalistischer Weise, alles Gott überlassen. Auch wir sind gefordert das Unsrige zu tun.[4]

«Zesummen Ennerwee», ein Lebensweg mit Gott und den Menschen.


[1] Vgl.THOME Mathias: Braucht der Mensch ein Gegenüber?, Zeit online 19.7.2017; ZEIT Wissen Nr. 4/2017, 20. Juni 2017

[2] Vgl RENDLE, Ludwig: Ganzheitliche Methoden im Religionsunterricht, 2.Auflage 2008, München, S.320

[3] https://www.kirche-und-leben.de/artikel/was-bedeutet-wallfahrt/

[4] Vgl BAUER, Jörgen: Gott kennt uns und weiß den Weg IN:www.auftanken.de, 24.01.2013